Was ist Autismus?

Die verschiedenen Formen des Autismus (ICD-10)

In Deutschland werden Autismus-Diagnosen noch nach der ICD-10 gestellt. Deshalb gibt es verschiedene Begriffe wie frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus oder Asperger-Syndrom.

Auch wenn heute alle Formen zum Autismus-Spektrum gehören, können sie sich im Alltag sehr unterschiedlich zeigen. Manche Kinder und Erwachsene haben sehr frühe und deutliche Auffälligkeiten, andere eher subtile oder später sichtbare Besonderheiten.

Unsere Übersicht soll helfen, diese Unterschiede besser zu verstehen – und zeigen, welche typischen Schwierigkeiten in den einzelnen Diagnoseformen vorkommen können. Damit Eltern, Fachkräfte und Betroffene schneller ein Gefühl dafür bekommen, was hinter den Begriffen steht und welche Bedürfnisse entstehen können.

Auch wenn wir wissen, dass es ein Spektrum ist, orientieren wir uns auf unserer Seite an den Standarts der deutschen Diagnosestellung und Profilen, welche  bisher nicht offiziell  in der ICD-10 vorkommen.

Auffälligkeiten meist vor dem 3. Lebensjahr – Sprache, Blickkontakt, Interaktion.

Kommunikation verzögert oder ungewöhnlich (Echolalie, wenig Gestik).

Starke Routinen, schnelle Überforderung bei Veränderungen.

Reizüberflutung führt häufig zu Stress oder Meltdowns.

Alltagsbewältigung benötigt viel Struktur und Begleitung.

Sprache und Intelligenz meist unauffällig oder hoch – wirkt äußerlich „normal“.

Herausforderungen werden oft übersehen → viele Missverständnisse.

Hohe Belastung durch Kompensation (Masking) → Erschöpfung.

Schwierigkeiten bei Zwischentönen, Körpersprache und Ironie.

Reizsensibilität trotz äußerer Unauffälligkeit.

Symptome passen nicht vollständig in F84.0 oder F84.5.

Wechselndes Erscheinungsbild, stark variierende Belastbarkeit.

Für das Umfeld schwer einschätzbar → Missverständnisse.

Unterstützung wird oft spät gewährt.

Starke Überforderung durch Anforderungen – selbst einfache Aufgaben lösen Panik aus.

Keine bewusste Verweigerung; der Körper reagiert mit Angst und Alarm.

Spontane, druckfreie Situationen gelingen besser.

Wird leicht als Trotz missverstanden, obwohl Angst dahintersteckt.

Erfordert flexible, druckfreie Kommunikation und viel Verständnis.

Autistische Merkmale vorhanden, aber ungewöhnlich kombiniert.

Diagnostik oft komplex und schwer zugeordnet.

Schwankende Fähigkeiten und Belastbarkeit.

Flexible Unterstützung besonders wichtig.

Autistische Merkmale vorhanden, aber nicht klar zuordenbar.

Oft bei später Diagnostik oder unklaren Unterlagen.

Herausforderungen werden oft unterschätzt.

Reizüberflutung, Strukturbedarf und soziale Schwierigkeiten können stark ausgeprägt sein.

FAQ

Autismus ist eine angeborene neurologische Besonderheit. Das Gehirn verarbeitet Informationen, Reize und soziale Signale anders. Autismus ist keine Krankheit – und kein Problem, das „behoben“ werden muss.

Nein. Autismus ist eine neurobiologische Variante, kein Zustand, der behandelt oder entfernt werden kann. Unterstützung bedeutet: Umfeld anpassen, nicht den Menschen verändern.

Typische Hinweise können sein:

- andere Art der sozialen Kommunikation
- direkte Sprache
- starker Wunsch nach Routinen
- intensive Spezialinteressen
- sensorische Empfindlichkeiten (Geräusche, Licht, Berührung)
- Überlastungsreaktionen (Shutdown oder Meltdown)

Nicht alle Merkmale müssen auftreten – Autismus ist ein Spektrum.

Dass es keinen einen Autismus gibt, sondern viele sehr unterschiedliche Ausprägungen. Manche Menschen benötigen viel Unterstützung, andere sehr wenig. Alle gehören zum selben Spektrum.

Nein. Autismus ist lebenslang. Viele Erwachsene erhalten ihre Diagnose erst spät – vor allem Frauen.

Weil viele Mädchen:

- soziale Muster gut beobachten und kopieren
- unauffällig wirken, trotz hoher innerer Belastung
- ihre Interessen „sozial passend“ zeigen
- vermeiden, aufzufallen
- gelernt haben, sich anzupassen (Masking)

Dadurch bleiben autistische Mädchen oft jahrelang unerkannt.

Das bewusste oder unbewusste Verbergen autistischer Eigenschaften, z. B.:

- Lächeln, obwohl es schwerfällt
- Blickkontakt erzwingen
- soziale Regeln auswendig lernen
- Stress nicht zeigen
- nicht zeigen, dass man überfordert ist

Masking ist extrem anstrengend und kann zu Burnout, Depressionen und Erschöpfung führen.

In der modernen Wissenschaft: gar keiner. Die Begriffe wurden in der ICD-11 abgeschafft. Alles gehört jetzt zum „Autismus-Spektrum“.

Ja. Viele Menschen mit Autismus und hoher Intelligenz kompensieren ihre Schwierigkeiten lange. Sie wirken „unauffällig“, obwohl sie täglich kämpfen. Das führt oft zu Spätdiagnosen.

Meltdown
Eine akute Überlastungsreaktion. Die Person verliert kurzzeitig die Kontrolle über Emotionen oder Verhalten. Auslöser: Reizüberflutung, Stress, Überforderung.

Shutdown
Die Person zieht sich nach innen zurück. Sie spricht vielleicht weniger, wirkt abwesend oder handlungsunfähig.

Overload
Überreizung des Nervensystems – ein Vorstadium von Meltdown/Shutdown.

Wichtig:
Meltdowns sind keine Trotzreaktionen, sondern neurologische Überlastung.

Weil ihr Gehirn Veränderungen schwerer verarbeiten kann. Routinen geben:

- Sicherheit
- Vorhersehbarkeit
- weniger Reizflut
- bessere Kontrolle im Alltag

Unangekündigte Änderungen können massiven Stress auslösen.

Spezialinteressen geben:

- Struktur
- Fokus
- Freude
- Kompetenzgefühl
- emotionale Stabilität

Sie sind ein natürlicher Teil autistischer Identität.

Autismus betrifft Wahrnehmung, soziale Verarbeitung, Sensorik und Flexibilität. ADHS betrifft Aufmerksamkeit, Impulse, Aktivität und Exekutivfunktionen.

Ja – sehr häufig!

50–70 % der Autist*innen haben auch ADHS.

Die Kombination führt oft zu:

- mehr Reizüberflutung
- stärkerer Überforderung
- schwächeren Exekutivfunktionen
- höherer psychischer Belastung
- mehr Schwierigkeiten in Schule/Beruf

Fähigkeiten wie:

- Planen
- Anfangen
- Dranbleiben
- Flexibilität
- Impulskontrolle
- Organisation

Viele autistische und/oder ADHS-Betroffene haben EF-Besonderheiten.

Nein. Autismus sagt nichts über Intelligenz aus. Es gibt Menschen mit Intelligenzminderung, mit Durchschnittsintelligenz und mit Hochbegabung. Alle können autistisch sein.

Gründe:

- Masking
- ADHS überdeckt Symptome
- zu wenig spezialisierte Stellen
- lange Wartezeiten
- veraltete Diagnosemodelle
- untypische Erscheinungsformen
- Mädchen und Frauen werden übersehen

Ja. Sie ermöglicht:

- passende Unterstützung
- weniger Überlastung
- besseres Selbstverständnis
- richtige Schul- und Lernumgebung
- Prävention psychischer Folgeerkrankungen

Nein. Es gibt heute nur bessere Diagnostik und mehr Wissen. Viele Erwachsene wurden in ihrer Kindheit einfach nicht erkannt.

Nein. Unterstützung sollte sich am Bedarf, nicht an der Diagnose orientieren.

Hilfreich ist:

- Wissen über Autismus
- angepasste Umgebung
- klare Kommunikation
- individuelle Strategien
- Verständnis im Umfeld

Therapie dient der Entlastung, nicht der „Korrektur“.

Ja. Viele leben völlig selbstständig, arbeiten erfolgreich und haben Familien. Andere benötigen Unterstützung im Alltag. Beides ist normal.

- klare, direkte Sprache
- vorhersehbare Abläufe
- Pausen ermöglichen
- Reizreduktion
- respektvoller Umgang
- Fragen statt Annahmen
- eigene Erwartungen anpassen
- sensorische Bedürfnisse ernst nehmen

- verständliche Strukturen
- ruhige Rückzugsorte
- Nachteilsausgleich
- klare Kommunikation
- vorbereitete Übergänge
- individuelle Lernwege
- Verständnis statt Druck

Autismus hat eine hohe genetische Komponente. Das bedeutet nicht, dass Autismus „eine Ursache“ hat. Viele Gene tragen kleinste Anteile bei – Umweltfaktoren spielen ebenfalls eine Rolle.

Nein. Autistische Menschen fühlen oft sehr intensiv – manchmal sogar stärker als andere. Schwierigkeiten liegen eher in der Kommunikation, nicht in der Empathie.

Nein. Sie haben häufig:

- kognitive Empathie (Interpretation sozialer Signale) → manchmal schwierig
- emotionale Empathie (Mitgefühl) → oft sehr stark

Ja. Aber oft auf ihre eigene Weise: tief, ehrlich, loyal, weniger oberflächlich.

Nicht im Sinne von „besser“ oder „schlechter“. Es gibt nur unterschiedliche Stärken, Barrieren und Unterstützungsbedarfe.